'DECK - Galerie für aktuelle Kunst

 


 

 





Schmirgel gegen Schmirgel

Bohren und schmirgeln? Was zunächst nach idyllischer Heimwerkerarbeit klingt, ist tatsächlich maßgebliche kollektive Praxis
der westlichen Welt. Aus den Tiefen der Erde holen wir das Öl, schwarzschillernde Dopingsubstanz des Wohlstands.
Der Wohlstand erst gestattet neues Körperdesign: In Modemagazinen begegnen uns nurmehr geglättete, gerodete Menschenleiber
mit schmirgelglatter Haut. Im realfleischlichen Raum wiederum durchbrechen und verletzen Piercings die perfekten Oberflächen,
Endoskope bohren tief in den Körper, auch die postmoderne Architektur arbeitet mit mannigfaltigen Durchbrüchen und Öffnungen
der Bau-Körper. Dies also ist der wahre Geist des Abendlands: Bohren (Durchbrechen der Oberflächen, Vorstoß in alle Tiefen und
Untiefen) und Schmirgeln (Glättung, Schleifung, Antiseptisierung der Oberflächen).

Vor diesem Hintergrund erst erschließt sich das vordergründig hermetische Werk von Martin Schmid in all seinen Facetten.
Schmid schmirgelt die Cover von Modemagazinen, bis die Schmirgelleiber der Models verschwinden und das Magazin wie ein
modernistisch-abstraktes Kunstwerk anmutet. Er spielt Schmirgel gegen Schmirgel aus, wenn er Schmirgelpapier schmirgelt, bis
an einigen Stellen die Schmirgelfläche nahezu entkörnt ist und ebenfalls puristisch-abstrakte Züge annimmt. Er bohrt mal brachial,
mal minimalinvasiv in Wände, Acryl, Papier, bis die Oberflächen mit einem Netz mal feiner, mal grober Verletzungen überzogen sind.
Kurzum: Schmid begegnet dem Zeitgeist durch Akte subversiver Affirmation. Zielen die Herren der Schmirgelzeit auf eine Sphäre
kontrollierter, antispetischer und geometrisierter Sinnlichkeit, so appropriiert Schmid ihre Techniken – hin zu einer Ästhetik der
Abweichung in Schleifspuren.

Jörg Scheller