Was dann kommt, weiß keiner.

Die Tapete der Gesprächsebene ist nach oben gewandert und lässt keinen Platz mehr für die Art von Himmel,
in dem noch vor kurzem Lottas pausbäckiger und glücklicher Gott schaukelte. Darunter blickt ein reisender
Schamane seinem Lehrer in die Augen, zusammen gönnen sie sich sündenlos ein Erdbeermahl. Im Wald
auf der Bildkante ist es dunkel geworden, oder vielleicht: Im Dunkeln ist es Wald geworden. Helle Bäume teilen
sich mit zarten Blumengewächsen die Bildseiten und eigentlich scheint alles friedlich. Dass das kleine Wort
‚eigentlich’ in Lottas Sprache aber eigentlich nichts verloren hat, wurde von Hansjörg Fröhlich schon vor langer
Zeit herausgefunden.
Gültig und
in Großbuchstaben macht sie einen kleinen Hund zum Fashion Victim und lässt die Kuh selbst nach
dem Rindfleisch
fragen – da entweicht sogar dem hart arbeitenden Fliegenhirten ein vergnügtes Lächeln.
Über allen Weiglschen Motiven schwebt der Hauch einer Ahnung von Zukunftsparanoia und dem, was
folgt, wenn die Sporensuche beendet ist. Natur und Künstlichkeit stehen sich in nichts nach, beide bekommen
ihre Ebene auf Lottas weißem Grund.
Wir müssen uns nur entscheiden – zwischen der Rolle des Alltagsschamanen und der des intuitiven Weltenbummlers.
Lassen wir den Geist der Vergangenheit in seiner Flasche, denn was dann kommt, weiß keiner.

Arnika Fürgut (2010)


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Nachtwanderung im Sporental

Wir laufen bergab. Die Wegränder fransen aus, weichen Mooswiesen.
Teppiche aus alten Erzählungen betreten wir. Die Luft wird nun fetter.
Schwer lastet der Moderwald auf unseren Lungen, feucht und doch erfrischend.
Unser Gespräch verstummt, leise öffnet sich eine Pforte. Das Außen, der Wald,
das Tal, fließt in uns hinein, wie Milch in einen Krug. Wir grinsen, denn wir sind
connected. Federnde Schritte auf dem Laubfell der Erde, darunter swingen sanft
die Organe. Der Waldweg führt nun durch einen atmenden Garten der Ahnung,
in dem jede Schnecke, jeder Wolpertinger, jeder Pilz die Wahrheit um die
Beschaffenheit des Ganzen kennt. Zwitterwesen allesamt. Allwissende
Geheimnisträger einer archaischen Informationshoheit. Sporen ruhen zwischen
den Lamellen. Beredte Lippen einer Welt im Untergrund, zwanzig Zentimeter
unter unseren Füßen. Unbekümmert verfallen wir dem Charme der Sporen.
Wir betreiben den Rückbau der Zivilisation: vom Glauben ans Wissen, zum
Wissen zu glauben. Verwilderungswünsche erfassen uns. Erklimmen unser
Rückgrat vom Becken zum Hypothalamus, tränken wie warmer Sirup das
neuronale Gewebe, legen sich wie süßer Tau ins Lotterbett unserer Existenz.
Schon sind wir Teil des Tals. Das Mobiltelefon übermittelt eine Textbotschaft:
„Bitte geben Sie mir Nachricht von Ihrem Verbleib“. Aber wie auch? Wir sind
Satelliten, Sporen.

Hansjörg Fröhlich (2007)