Das Land schläft. Die Stadt ist tot.

Bewegung. Wie ein Wanderer durchschreiten wir Uwe Schäfers Ausstellung – nicht mit den Beinen, sondern mit den Augen.
Die Wege sind nicht markiert und doch vorgegeben. Man erkennt sie an den Schatten, die sie ins Tal werfen.
Entlang der Höhenlinien führt der Pfad in einen Perspektivenwechsel: Was vor uns lag, liegt nun unter uns, 45 Grad, Landeanflug.
Wir sehen Atolle untergegangener Kontinente, die dem Abdruck eines Glases auf einem Tischtuch ähneln. Leere Zellen ohne
Zellkern, warten auf eine In-vitro-Fertilisation. Je nach Beleuchtung springt das Signal von Rot auf Grün, die Form von positiv
zu negativ, vice versa. Wir stehen vor Pangaea, dem Urkontinent, und sehen wie andersartig zerbrochen er sein könnte.
Die Schatten der Bruchstücke ergeben andere Formen, andere Zeiten, andere Geschicke. Sie haben noch keine Namen, sind
Puffer-Kontinente, Erfindungen, die sich zwischen ihren Erfinder und die Realität stellen, um ihn zu schützen. Umrisse eines nicht
gedeuteten Traums, der wie ein Vogel über dem Haus schwebt, ohne sich zu setzen.

Nun sind wir auf Höhe des Meeresspiegels und schwimmen an Land. Sobald wir Boden unter unseren Füssen spüren, erheben wir
uns und blicken auf eine tote Stadt. Eine Baustelle, die Arbeiten ruhen. Die Barmittelquelle ist versiegt, das Investmentprojekt
erloschen. Verlassen steht dort eine Leiter, der einige Sprossen fehlen und erzählt von übersprungenen Stufen und nicht adäquaten
Entwicklungen. In der Ferne gähnt ein Stadion wie der Krater eines erloschenen Vulkans, sein Tribünenrund lacht wie Etwas, das
sich geschworen hat, nie wieder zu lächeln.

Uwe Schäfer sieht einem Ei an, ob daraus eine Taube oder ein Geier werden wird und er kann mit seinem Blick Warzen heilen.

Hansjörg Fröhlich